Wie die alten Stadttore niedergelegt wurden
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Wie die alten Stadttore niedergelegt wurden

Jan Charon
Jan Charon

Paul Spang: Aus Echternachs Geschichte

Als die Stadt Echternach im Jahre 1867 das „Hovelecker Tor", das auch „Trierer Tor" genannt wurde, niederlegte und die Steine für eine Stützmauer verwandte, verscherzte sie endgültig die Gelegenheit, Luxemburgs Rothenburg zu werden. Auch Rothenburg o.d. Tauber, das gerne als „Perle des deutschen Mittelalters" bezeichnet wird, hatte mit der Niederlegung der Tore und Mauern begonnen, als sie nicht mehr zur Verteidigung dienten und ihr touristischer Wert noch nicht erkannt war; dann aber besannen sich die Rothenburger, sammelten bis nach Übersee Geld bei den Schwärmern für mittelalterliche Stadtromantik und stellten die abgebrochenen Teile wieder her, und das noch schöner und romantischer, als sie im Mittelalter gewesen waren.

Die Echternacher besannen sich nicht, sie erkannten nicht ihre Berufung, die Hüter des Luxemburger Freilicht-Museums einer mittelalterlichen Stadt zu werden. 1867 ersuchten sie bei der Oberbehörde die Erlaubnis, das „Trierer Tor" abzutragen, ... um die Stadt zu verschönern. 1851 hatten sie diese Erlaubnis für das „Luxemburger Tor" erbeten, 1854 für das „Kacker Tor", 1858 für das „Viandener Tor": sie war in allen Fällen erteilt worden. Wann das „Bitburger- oder Brückentor" weichen mußte, ist nicht festzustellen. Auch für das sogenannte „Totenpförtchen" läßt sich das Datum der Zerstörung nicht mehr nachweisen. An sich war man in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts den alten Befestigungsanlagen, den Ringmauern, den Toren und Türmen nicht feindlich gesinnt gewesen. Gelegentlich besserte man Teile, deren baulicher Zustand sehr schlecht war aus, die Türme hatte man 1813 versteigert und in ihnen waren Wohnungen entstanden, ja noch im Jahre 1851 besserte man das „Trierer Tor" und die Wohnung des früheren Wächters aus, um einen Schulmeister unterzubringen.

Auch an andern alten Gebäuden der Stadt, so z.B. am historischen Dingstuhl, nahm man Ausbesserungen vor; das große öffentliche Ärgernis war die frühere Klosterkirche, in der die Fayencerieöfen des Herrn Dondelinger vor den Augen der Bevölkerung ihr tägliches Zerstörungswerk betrieben, ohne den industriellen Aufschwung gebracht zu haben, auf den man in einzelnen Kreisen gehofft hatte. Echternach war geradezu dazu berufen, das Freilicht-Museum einer mittelalterlichen Stadt zu werden: bis zum Jahre 1851 standen noch alle Stadttore, durch die Stadt flossen noch offen die Bäche, die auch die Rolle einer Kanalisation erfüllten, die Stadtmauern selbst und die vor ihnen liegenden Gräben waren noch fast auf ihrer ganzen Länge sichtbar. In den großen Zügen war das Bild, das uns Abt Bertels um 1600 vom mittelalterlichen Echternach gezeichnet hat, in der Wirklichkeit erhalten. Die schmalen Straßen und Gassen hatten noch unverfälscht ihren alten Charakter, noch hatte man nicht innerhalb der Stadt öffentliche Plätze durch Abreißen alter Viertel geschaffen, so wie es andere Städte, die mehr Geld in der Gemeindekasse hatten, zu ihrer Verschönerung — man nannte es damals noch nicht „Urbanisierung" — getan hatten. Das Ende der Echternacher Stadttore begann mit dem Projekt einer großen Staatsstraße von Luxemburg nach Echternach.

Nachdem seit Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts im Prinzip ddr Bau dieser Straße beschlossen war, bemühten sich alle Ortschaften, die glaubten an der Strecke zu liegen, und es waren sehr viele, zu erreichen, daß die Straße durch sie führen sollte. Es gelang nur Gonderingen, Junglinster, Graulinster, Altrier und Echternach. An sich suchte die Bauverwaltung, nach Möglichkeit, die Ortschaften, in denen der zu enteignende Grund und Boden zu teuer geworden wäre,zu vermeiden. So hätte die Verwaltung, als die Echternacher versuchten, die Straße durch die Ortschaft an die Sauerbrücke zu führen, am liebsten eine Umgehungsstraße an den Festungswällen vorbei (heutige Rhamstraße) gebaut, die dann die Sauerbrücke und die Straße nach Bitburg, deren Bau beschlossen war, erreicht hätte. Damit hätte sie es vermieden, den Unterhalt eines guten Teiles der Echternacher Stadtstraßen zu übernehmen. Man kann verstehen, daß die Verwaltung, die beim Bau dieser großen Landstraße immer die billigste Lösung suchte, nicht gerade von einer Durchfahrt durch Echternach begeistert war. Erst hinderten die letzten hundert Meter vor dem Stadttor, dann das Stadttor selbst, in der Luxemburgerstraße floß offen ein Bach, der zugleich Kanalisation war; nur gelegentlich, am Marktplatz z. B., war er mit Steinplatten bedeckt. Misthaufen und die Treppen, die in die Häuser führten, ließen für den Fahrdamm eine ungenügende Breite. Einige Häuser, so z. B. die Gerberei Weywertz in der Luxemburgerstraße, stießen bis in den Fahrdamm hinein. Eine Durchfahrt durch die Bergstraße und die Sauergasse hielten die Fachleute fast für unmöglich, wenn sie nicht mit großen Kosten ganze Häuserzeilen versetzen konnten. Die vernünftige Lösung, und hierin sollte die Bauverwaltung recht behalten, wäre die gedachte „Umgehungsstraße" gewesen. Die aber wollte der Stadtrat auf keinen Fall: führte die Staatsstraße durch die Stadt, so war man endlich den Unterhalt dieser Straßenzeilen los, der schwer auf der Stadtkasse, die in dieser Zeit chronisch leer war, lastete. Man war sogar zu finanziellen Opfern bereit, um das zu erreichen, was man wollte. 5000 Franken wollte man bereitstellen, um die letzten hundert Meter (vom Hause Jans an) bis zum Tor zu begradigen und zu erbreitern, neben dem Tor wollte man für die Durchfahrt zwei Häuser erwerben und abtragen. Das Tor selbst, so beschloß der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 19. Mai 1849, müsse in der Mitte der Straße stehen bleiben.

Am 10. Februar 1851 beschloß dann der Gemeinderat einstimmig, das „Luxemburger Tor" abtragen zu lassen. Ein Verfahren „de commodo et incommodo" wurde eingeleitet und als Rat Arnoldy. der dazu bestimmt worden war, sich am 18. Februar im Rathaus aufhielt, um etwaige Reklamationen entgegenzunehmen, hatte sich bis vier Uhr nachmittags niemand eingefunden. Daraufhin ersuchte die Gemeinde die Oberbehörde, den General-Administrator des Inneren, um die Erlaubnis, das Tor abtragen zu dürfen ... um die Stadt zu verschönern. Wie war es zu diesem plötzlichen Umschwung des Stadtrates in der Haltung dem Luxemburger Tore gegenüber gekommen? Sonderbar berührt wird man durch die Tatsache, daß Rat J. P. Brimmeyr, der doch sonst mit Echternachs Geschichte verwachsen scheint, für die Abtragung des Tores eintrat. Sollte er die Wichtigkeit der Tore im mittelalterlichen Stadtbild nicht erkannt haben? Wenn er unterschreibt, das Tor störe und könne nicht erhalten bieiben, so kann man doch von ihm, der korrespondierendes Mitglied der Archaeologischen Gesellschaft war, erwarten, daß seine Haltung begründet war. Folgendes scheint sich zugetragen zu haben. Als der Stadtrat erreicht hatte, daß vom Hause Jans aus die Straße erbreitert wurde, führte sie nicht mehr gerade durch das Stadttor — oder, wie es der Stadtrat gedacht hatte, zu beiden Seiten durch eine Lücke in der Ringmauer am Tor vorbei, sondern das Tor stand quer in der Straße. Es scheint also vor allem der Zeichenstift der Straßenbauer gewesen zu sein, der das Todesurteil für das Luxemburger Tor geschrieben hat. Es war für Echternach ein gewichtiger Präzedenzfall, auf den man sich bei den andern Toren berufen konnte. Hovelecker-Poart

  • Abbildung des Hovelecker oder Trierer-Stadttores, im Hintergrund ausserhalb der Stadtmauern sieht man die Villa Morgenstern (Jüdische Familie wohnhaft im 19.Jahrhundert in Echternach)

Im Echternacher Gemeinderat frohlockte man: endlich war man die Sorge um einen guten Teil der Straßen los, für sie sorgte nun der Luxemburger Steuerzahler. Eine Art Unterstützungskomitee wurde gebildet, um die Bauverwaltung bei den Enteignungen, die nun einsetzten, zu unterstützen. Apotheker Brimmeyr spielte in ihm eine wichtige Rolle. In einem wahren Gründerfieber wurde von der Luxemburger Straße bis zur Sauerbrücke Alt-Echternach zerstört. Das „Bitburger Tor" oder „Brükkentor" war vielleicht schon früher verschwunden oder es fiel bei derselben Gelegenheit. Vielleicht war es auch einfach zusammengefallen, da die Stadt bereits im 18. Jahrhundert Schwierigkeiten mit ihm und der Sauerbrücke gehabt hatte. Es war immer ein wunder Punkt im Echternacher Verteidigungsring gewesen. Im Jahre 1854 hatte die Stunde des „Kacker Tores", das auf französisch „Porte de Kik" genannt wurde, geschlagen. Ein angesehener Bürger, B. Föhr, hatte angeboten, das Tor auf eigene Kosten instandsetzen zu lassen. wenn man es ihm auf 15 Jahre für 5 Franken jährlich überlassen würde. Nun fanden sich aber 11 Bürger — die nicht alle schreiben konnten — um die Abtragung zu fordern. Trotzdem 13 Bürger des Viertels gegen die Abtragung protestierten, beschloß der Gemeinderat, mit 9 Stimmen gegen die des Rates Baldauff, die Abtragung des Tores. Schöffe J. P. Brimmyr, der sonstige Verfechter der Interessen Alt-Echternachs, wurde dazu bestimmt, die Formalitäten „de commodo et incommodo" zu erfüllen. Der Distriktskommissar, der den Beschluß mit seinen Anlagen an den General-Administrator des Innern weiterleitete, stellte sich nur zögernd auf die Seite des Gemeinderates. Er kenne das Gebäude nicht, unterstütze aber das Gesuch „weil sich die große Mehrheit des Rates" dafür ausgesprochen habe. Das Tor wurde abgetragen, und im Jahre 1862 wurde vor ihm, neben den Werkstätten der sogenannten „Schaffbeier", einige Gärten in einen öffentlichen Platz und in eine Promenade umgewandelt. Dieser Platz, später teilte ihn der Bau des Bahndammes der Prinz-Heinrich-Gesellschaft in zwei Teile, war auch dazu gedacht, einen Teil des Viehbestandes aufzunehmen, der an den Echternacher Markttagen zum Verkauf angeboten wurde. Im Jahre 1858 hatte die Stunde des „Haaler Tores", das auch „Viandener Tor" genannt wurde, geschlagen. Auch hier suchte der Gemeinderat, mit allen Mitteln, den Unterhalt der "Haalergasse", die auch „Viandenerstraße" hieß, der Staatskasse zuzuschieben. Es war aber zu einem peinlichen Mißverständnis gekommen. Nach der Ansicht der Stadt Echternach begann die Staatsstraße, deren Bau 1855 von Echternach bis zur Schwarzen Ernz beschlossen worden war, am Viandener Tor.

Die Durchfahrt bis zur Luxemburgerstraße (d.h. die Haalergasse) wollte man dem Staat gerne überlassen. Die Bauverwaltung aber war der Ansicht, die Straße nach der Schwarzen Ernz beginne erst an der Brücke über den Aesbach, dort wo der (alte) Weg nach Berdorf abzweigt. Sogar der Unterhalt der Brücke falle zur Hälfte der Echternacher Stadtkasse zu Last. Diese Verschiedenheit in den Auffassungen bewirkte, daß die Straße vom Viandener Tor bis zur Aesbach nicht befahrbar war, weil niemand sich zum Unterhalt ver-pflichtet fühlte. Am 26. Dezember 1857 hatten vier Handwerker das „Haaler Tor" untersucht und gefunden, daß es „zum Teil" in sehr schlechtem Zustand sei. Am 14. Mai 1858 beschloß nun, der Gemeinderat einstimmig die Niederlegung des Tores und die Einleitung eines Verfahrens „de commodo et incommodo". Niemand trat gegen die Abtragung ein. Der General-Direktor des Inneren, der den Abbruch genehmigen sollte, hatte Bedenken: um festzustellen, so schrieb er, ob das Tor einen historischen oder künstlerischen Wert besitze, solle man die "Archaeologische Gesell-schaft des Großherzogtums" um ihre Meinung fragen. Man besitze ja in Echternach zwei korrespondierende Mitglieder, den Apotheker Brimmeyr und Professor Berg. Brimmeyr hatte 1856 in Zusammenheit mit Professor Michel die „Historia Luxemburgensis" des Abtes Beitels neu herausgegeben und stand noch im Blickfeld der Öffentlichkeit. Der General-Direktor sandte eine Abschrift seines Briefes an die Archaeologische Gesellschaft. Die Reaktion der Gesellschaft ist nicht bekannt; ihr Echternacher Korrespondent, der als Gemeinderat für den Abbruch eingetreten war, konnte wohl kaum als Mitglied der Gesellschaft gegen ihn eintreten. Im Jahre 1867 wurde dann das letzte Tor, das „Hovelecker oder Trierer" abgebrochen, das man noch 1851 ausgebessert hatte. Am 9. Februar hatten einige Einwohner die Abtragung verlangt; am 28. Mai beschloß der Gemeinderat, der erwogen hatte, „daß das Gebäude des Trierischen Thores nicht als ein alterthümliches Monument betrachtet werden kann, dessen ferneres Fortbestehen als geschichtliche Rückerinnerung bedingt wäre" und daß es ein Hindernis in der Verbindung zur Staatsstraße wäre, das Tor abzubrechen. Man ging sogar soweit, zu erwägen, daß es wirklich das letzte Stadttor sei und daß der Verschönerung der Stadt nun nichts mehr im Wege stehe. Niemand wandte etwas gegen die Abtragung ein, als Schöffe Chrysostomus Keiffer sich am 9. April bis vier Uhr nachmittags im Rathaus zur Verfügung der Bevölkerung hielt. Rat Brimmeyr hatte wohl, um seine Kollegen der Archaeologischen Gesellschaft zu beruhigen, herausgefunden, das Tor habe keinen geschichtlichen Wert. Als im Jahre 1877 der Echternacher „Verschönerungsverein" gegründet wurde, war die Stadt an die großen Staatsstraßen nach Luxemburg, Diekirch und Wasserbillig angeschlossen und, seit 1873 durch die Sauerlinie an das Eisenbahnnetz. Über die Haltung der ersten Vorstände des Vereins Alt-Echternach gegenüber ist leider wenig bekannt. Während die erster Mitglieder des Vorstandes selbts Hand anlegten, damit einige Punkte, die unangenehm auffielen, „verschönert" werden konnten, rückte die Bauverwaltung mit Meter- und Millimetermaß den Misthaufen, hervorstehenden Treppen, Scheuner Stallungen und Häusern zu Leibe Dabei ging ein großer Teil Alt-Ech-ternachs durch rein technische Entscheidungen, die keine Rücksicht auf die Vergangenheit nehmen wollten, verloren. Die langwierigen Verhandlungen und die Enteignungsprozesse, die gelegentlich geführt wurden, haben uns aber manche interessante Einzelheiten über den Zustand der Stadt hinterlassen. Homerisch sind die Kämpfe die manche Einwohner geführt haben, um ihre Eingangstreppe zu retten. So weigerten sich z. B. einige Bewohner der Bergstraße, die Zugangstreppe zu ihren Häusern in das Innere zu verlegen. Der Lokalvertreter der Bauverwaltung, Kondukteur Dondelinger, der seine Laufbahn in Echternach als Volontär begonnen hatte, suchte sie auf eigenartige Weise zur Vernunft zu bringen: er ließ die Straße vor ihren Treppen in einen solchen Zustand versetzen, daß die Bewohner nur „unter Lebensgefahr", wie es in einer Beschwerde heißt, ihr Haus betreten konnten. Manche Einwohner suchten auch durch ihre Einwände möglichst viel Geld für eine Treppe oder einen „Mistenplatz", wie man schrieb, herauszuschlagen. Die Gelegenheit, Luxemburgs Rothenburg, ja eines der schönsten Freilicht-Museen des Mittelalters überhaupt zu werden, hat Echternach von 1851 bis 1867 verscherzt.
Echternach_pont_1867_groevig
Die Wehrtürme, die Teile der Mauer und des Grabens, die erhalten sind, machen den Verlust um so schmerzvoller. Sucht man die Verantwortlichen für diese verständnislose und für die damalige Zeit, in der in andern Ländern der Wiederaufbau mittelalterlicher Mauerreste bereits eingesetzt hatte, schon überraschenden Haltung, so kann man nicht umhin, dem damaligen Gemeinderat schwere Vorwürfe zu machen. Schon die Geschichte des Wiederaufbaus der Basilika, der zum Schluß nur durch die Selbsthilfe der Bürger zustande kommen konnte, wirft ein sonderbares Licht auf die Stadtväter. Durch den Abbruch der Stadttore beweisen sie ein zweites Mal, daß für sie nur ein Ziel galt: die Abwälzung der Kosten für den Unterhalt der Straßen auf den Staat. Um dieses Ziel zu erreichen, waren sie zu altem bereit. Vernünftig erscheint die Haltung der Bauverwaltung, die, ihre ersten Pläne beweisen es, die billigste Lösung gesucht hatte: eine Umgehungsstraße, die uns den Kern Echternachs, die mittelalterliche Stadt mit all ihren Wehranlagen, erhalten häte.

Nach einem Jahrhundert sieht man, wie weit die verantwortlichen Ingenieure vorgesehen hatten. Ein sonderbares Licht wirft die Geschichte der Zerstörung der Echternacher Stadttore auf Echternachs Apotheker und Historiker J. P. Brimmeyr, der in dieser Zeit abwechselnd Bürgermeister, Schöffe und Rat gewesen war. Er erkannte den historischen Wert der Tore auch dann nicht, als der Generaldirektor des Innern seine Kollegen von der Archäologischen Gesellschaft darauf aufmerksam gemacht hatte. Oder wollte er ihn nicht erkennen? Mit seinen Kollegen stand er nicht gerade auf dem besten Fuß, nachdem sie einige seiner Artikel nicht veröffentlicht hatten. Wollte er ihnen zeigen, daß für Echternachs Geschichte nur J. P. Brimmeyr zuständig war, daß nur er zu entscheiden habe, was in Echternach historischen Wert besitze? Dazu kommt, daß J. P. Brimmeyr in allen Lebenslagen eine rein utilitaristische Stellung einnahm. Wie er es meisterhaft verstand, überall seinen eigenen Vorteil zu wahren, so trat er auch für das ein, was er als Vorteil für die Öffentlichkeit glaubte erkannt zu haben. Für ihn mußte der Vorteil, daß der Staat nun Echternachs Straßen zu pflastern hatte, alle möglichen Nachteile überwiegen. Uns bleibt heute nur noch das Bedauern, daß die schönsten Teile der Altstadt zerstört sind und die Verpflichtung, mit allen Mitteln das zu erhalten, was geblieben ist. Historische Bauwerke und Landschaften genießen heute Gott sei Dank einen weitgehenden Schutz, den der Gesetzgeber in der Zwischenzeit ausgearbeitet hat. Echternach ist leider nicht Luxemburgs Rotherburg geworden. Aber das, was vom mittelalterlichen Stadtbild geblieben ist, reicht noch, um aus der Stadt eine der schönsten Städte des Landes zu machen.

1965 entstanden die „Freunde Alt-Echternachs", eine Vereinigung, die Anhänger in allen Kreisen der Bevölkerung gewonnen hat. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, mit allen Mitteln Alt-Echternach vor verständnislosen Übergriffen zu verteidigen. Ich bedaure nur, und mit mir noch viele Freunde der Stadt, daß die Vereinigung nicht früher entstanden ist. Vielleicht wäre sie dann nicht dem Metermaß der Dondelinger, Fichtel und ihrer Epigonen zum Opfer gefallen. An diesem Beispiel sieht man aber auch, wie die Entscheidungen einer Generation, auch wenn sie in der besten Absicht getroffen werden, sich gegen die wahren Interessen einer Ortschaft richten können.

Paul Spang

Aus Echternachs Geschichte: Wie die alten Stadttore niedergelegt wurden
Revue letzeburger Illustréert No 48 - 26. November 1966 - 22. Jahrgang

Iechternacher Stadmauer – Wikipedia