Ein Gemeindesyndikat außer Kontrolle
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Ein Gemeindesyndikat außer Kontrolle

J. Postmann
J. Postmann

von Pol Reuter Juni 2022

Das Gemeindesyndikat SIGI soll den Kommunen bei der Digitalisierung helfen. Doch die Leitung des Syndikats steht zunehmend in der Kritik. Eine Geschichte über visionäre Manager, verfehlte Missionen und versagende Kontrollmechanismen.

„Stabilität und Kontinuität gilt nicht nur für unsere informatischen Produkte, sondern auch für unsere Präsidenten“, scherzte Yves Wengler (CSV) während der Feier zum 40. Jubiläum des „Sigi Ende April. Seit mehr als 20 Jahren hat der Bürgermeister von Echternach den Vorsitz jenes Syndikats inne, das einheitliche Informatiklösungen für die Gemeinden entwickeln und die Digitalisierung der Arbeitsprozesse vorantreiben soll.

Zur Umsetzung dieser Missionen kann das größte Gemeindesyndikat des Landes auf ein Jahresbudget von mehr als 24 Millionen Euro zurückgreifen. Das liegt deutlich über dem Budget einer Durchschnittsgemeinde in Luxemburg. Die Aufsicht über die Ausgaben des SIGI üben Kommunalpolitiker der Mitgliedsgemeinden aus. So zumindest die Theorie. In der Praxis zeigen die wenigsten Gemeinden Interesse an den Interna des Syndikats.

Das hat sich in den vergangenen Jahren jedoch geändert. Einige Gemeindevertreter kritisieren, dass das SIGI immer weniger seinen eigentlichen Aufgaben gerecht werde. Tatsächlich mangelt es nicht an Kontroversen, wie Recherchen von Reporter.lu zeigen. Mitarbeiter, ehemalige Verantwortliche und andere Insider des SIGI-Universums berichten von intransparenten Finanzen, einem autokratischen Führungsstil und kostspieligen Prestigeprojekten, die in ihren Augen an Größenwahn grenzen. Im Fokus der Kritik stehen dabei die beiden Männer, die seit rund 15 Jahren gemeinsam die Geschicke des SIGI lenken: Präsident Yves Wengler und Direktor Carlo Gambucci.

  • Ein Syndikat mit flexiblen Lösungen
    Carlo Gambucci wurde 2007, sechs Jahre nach Yves Wenglers Amtsantritt, Direktor des SIGI. Von dem neuen Chef erhoffte man sich eine neue Dynamik und einen modernen, privatwirtschaftlich geprägten Führungsstil. Und in der Tat: Der ehemalige Informatik-Direktor von ArcelorMittal führt den Gemeindeverband, der sich selbst als „acteur public majeur du Luxembourg“ versteht, wie ein Unternehmen – mit allen guten und potenziell problematischen Seiten.

Eine offensichtliche Folge davon: Nur noch wenige Mitarbeiter des SIGI sind heute als Beamte angestellt. Mehrere Quellen berichten zudem von einem schlechten Arbeitsklima und einer auffällig hohen Personalfluktuation. Demnach hätten allein in den letzten eineinhalb Jahren rund 40 Mitarbeiter von insgesamt 140 das SIGI verlassen. Yves Wengler und Carlo Gambucci sprechen auf Nachfrage von Reporter.lu hingegen von 20 Mitarbeitern. Der Grund für die unterschiedlichen Zahlen: Nur die Hälfte der Betroffenen war direkt über das SIGI eingestellt, die anderen waren als Leiharbeiter beschäftigt – und fallen somit nicht in die interne Statistik.

"Wir sind so klein, wir haben alle Mittel, wir müssten in der Digitalisierung die Nummer eins weltweit werden. Das habe ich noch nicht erreicht.“
Yves Wengler, Präsident des SIGI

Die unterschiedliche Sichtweise deutet auf eine Praxis hin, die sich in den letzten Jahren beim Syndikat durchgesetzt hat. Inzwischen ist rund die Hälfte der Belegschaft des SIGI über ein Zweitunternehmen eingestellt. Dafür schließt das SIGI jährlich mehrere Rahmenverträge mit Leiharbeiterfirmen ab. Das Personal kann somit auch leichter ausgetauscht werden. Vor der Übernahme der Geschäfte durch Carlo Gambucci zählte das SIGI noch rund 40 Mitarbeiter. Die Zahl der externen Mitarbeiter lag damals noch unter zehn. Allein im letzten Jahr wurden hingegen vierjährige Rahmenverträge im Wert von fast 30 Millionen Euro unterschrieben, wie eine Ausschreibung auf der EU-Plattform TED zeigt.

  • Der "Bill Gates" des Gemeindesektors
    Doch die Personalpraxis ist nur einer von vielen Aspekten, der die Kritiker der SIGI-Führung auf den Plan ruft. Systematisch ist für mehrere Quellen auch der Mangel an grundlegender Transparenz und Kontrolle. Der Tenor der Kritik: Viele Millionen Steuergelder würden hier ausgegeben, die nicht immer im Sinne der Gemeinden seien. Zudem müssten die Verantwortlichen des SIGI, das über den Gemeindesektor hinaus nicht allzu bekannt ist, kaum Rechenschaft ablegen.

Die meisten Insider sprachen dabei unter der Voraussetzung der Vertraulichkeit mit Reporter.lu. Im Verlauf der Recherchen meldeten sich zudem immer mehr Mitarbeiter oder Betroffene und bestätigten die Vorwürfe gegen das SIGI-Management. Mehrere Quellen sprachen aber auch „on the record“. So wie der ehemalige Direktor des SIGI, Guy Reeff:

„Unsere Philosophie war es, im Dienst der Gemeinden zu stehen. Für meinen Nachfolger galt eher: Die Gemeinden sollten so arbeiten, wie er es sich vorstellt … „

Source: REPORTRER.LU